OSS


 Zoom in.
Die Kleine weiß, ein bisschen schneller kann sie noch. Ihre Mutter hat sie hierher gebracht, auf dem Weg zum Einkaufen und sie bleibt alleine in dem Wartezimmer, in dem es nach muffigem Kind, vergammelten Pausenbroten und selbstvergessenen Kinderfurzen riecht. Bis ihre Lehrerin in der Tür erscheint und ihr mit einer Handbewegung zu verstehen gibt, dass sie dran ist. Sie üben für Jugend Musiziert und die Kleine hofft, dass sie ihre Spielzeit noch um einige Sekunden verkürzen kann, wenn sie den zweiten Satz ohne Atempausen spielt. Sie wird niemandem sagen, was sie vorhat. Weil sie weiß, am Ende steht sie auch auf der Bühne alleine. Das einzige Publikum sind die, die ihre Zeit stoppen und die, die versuchen werden, sie zu übertrumpfen. Ihre Haare sind fest zusammengebunden, die Nägel kurz geschnitten und ihr Kleid blau mit einer Schleife am Rücken. Ihr Mutter wird sich freuen, wenn sie gewinnt und sie dann wieder hier abholen. Die Vorgabe bleibt: Schnelligkeit statt Härte, Rhythmus etwas gehetzt, aber ohne einen Fehler.
Zoom vorwärts.
Lioba ist hier, seitdem sie vor drei Jahren nach Thailand gereist ist. Um die Welt kennenzulernen und alles mitzunehmen, was das Leben so zu bieten hat. Deswegen hat sie Elefanten gefüttert, ist mit einer Gruppe von Israelis und Franzosen von Insel zu Insel getourt und hat einen Schnupperkurs im Muay Thai belegt. Bei Thaiboxen ist sie geblieben, weil sie gemerkt hat, dass sie als Boxerin nicht mehr nur weinen will, wenn sie wütend wird. Heute trifft sie auf Mira, die quasi hier lebt und alle ihre Trainer privat kennt. Für sie ist es einfacher wütend zu sein. Sie findet Männer nützlich, aber bemitleidenswert, Frauen lächerlich und gefährlich. Sich selbst hält sie für amüsant, schlau und manchmal peinlich, je nach Zyklusphase. Sie weiß, dass sie ein bisschen unkoordiniert ist und auf Stärke setzen muss, wenn sie gewinnen will. Ohne Ritalin ist ihre Trefferquote geringer und ihre Schläge sind verzweifelter. Mira weiß, wieviel Offensive genug ist und wann ihre Aktionen hilflos werden. Dummerweise setzt ihr Urteilsvermögen aus, wenn sie mit Frauen sparrt. Sie ist dann vor allem damit beschäftigt, wer in einem richtigen Kampf gewinnen würde, und ob die Trainer auch ihre Gegnerin nachts anrufen. Sie mag es nicht, wenn Frauen blond und kleiner sind als sie. Klein ist ihre Gegnerin Lioba nicht, blond schon. Und sehr strukturiert. Lioba hat, anders als Mira, nicht direkt mit dem Sparring angefangen sondern erst gelernt, wie man sich vor Schlägen schützt. Lioba findet es okay, mitten in der Sparring-Runde mal kurz ihren Tampon wechseln zu gehen, weil er schief sitzt und es sich die ganze Zeit anfühlt, als würde er gleich rausfallen. Weil sie weiß, es kämpft sich leichter ohne schlecht sitzenden Tampon. Sparring wäre möglich zwischen ihnen, wenn beide es schaffen, ihre Kraft an die Gegnerin anzupassen. Das bedeutet, dass Mira auf zwanzig Prozent ihrer Kraft runter und Lioba auf sechzig Prozent hochgeht. Sie klatschen sich ab und die Runde beginnt. Lioba macht wenig, antwortet aber immer mindestens mit einem Kick, manchmal auch mit ein paar lockeren Händen auf Miras Offensiven. Sie übt an Mira. Mira übt, zu gewinnen. Schnelligkeit und Härte bleiben verwachsen, weil sie etwas zu beweisen hat. Härte, die Retterin schlechter Balance. Saubere Technik beugt Härte vor, wenn man sie denn hat. Mira kann nicht genau sagen, ob der Stil ihrer Gegnerin sie langweilt oder überfordert. Als sie Lioba schließlich runterschickt, weil sie nicht weiter weiß und auf zwanzig Prozent keine ihrer Aktionen durchkommen, hört man bis auf das Stöhnen von Lioba kurz nichts auf der Fläche. Miras Knie hat sie so sauber in die Leber getroffen, dass Lioba für einen Moment nicht mehr weiß, wie Luft in ihre Lunge gelangt. Die Runde ist damit vorbei. Mira steht, Lioba hockt auf allen vieren. Miras Triumph wird zur Niederlage, weil sie sich nicht beherrschen konnte. Sie beide wissen, wer verloren hat. Zumindest die Fassung. Und sie beide wissen auch, dass Knie im Sparring nicht fair sind. Mira wartet ein bisschen zu lange, um sich zu entschuldigen. Lioba nimmt ihre Entschuldigung nickend an. Dann trinken sie beide einen Schluck Wasser. Mira erinnert sich, warum sie lieber mit starken Männern übt. In Sisyphos-Manier gegen eine physikalische Unmöglichkeit anzukämpfen ist einfacher als ein Spiel zu spielen, dessen Regeln fragil und kompliziert sind. Regeln, die Mira immer wieder rücksichtslos und grob aussehen lassen. Gegen Glasdecken schlagen für sie einfacher als Gläser zu balancieren. Fairplay scheint ihr eine Erfindung von denen, die am Rand des Rings stehen bleiben. Die nicht wissen, wie es ist, wenn man aus Angst immer weiter schlägt, damit der andere liegen bleibt und sich nicht für all die Schläge rächen kann. Von denen, die das Gefühl nicht kennen, sich im Ring zu verlieren und noch vier Runden vor sich zu haben. Die denken, dass Gewicht etwas darüber aussagen kann, wie ausgeruht jemand ist oder dass das bei Geburt zugewiesene Geschlecht bestimmt, wie viel man sich selbst zu beweisen hat oder mit wieviel Hoffnung man in den Ring steigt. Lioba verlässt die Fläche und genießt es, zu atmen. Wenn so ein Knie das nächste Mal ihre Leber trifft, wird es ihr nicht mehr so viel ausmachen.
Zoom zur Seite.
Auf Pouri zum Beispiel, der das Leben in seinem Land aufgegeben hat, um hier zu sein. Pouri will seit ein paar Wochen nicht mehr. Seitdem seine Schienbeine sich entzündet haben und der Boss ihn trotzdem in den Ring geschickt hat, schaut er mit Mitleid auf die Neuankömmlinge, die noch denken, hier läge nur Möglichkeit in der Luft. Oder sicheres Geld. Oder Ruhm. Er weiß, dass man an diesem Ort ewige Runden drehen kann. Der kurze Triumph einer guten Performance die Sicht verklärend. Er ist heute mit Vea gepaart, die dachte, sie könnte sich an diesem Ort zuhause fühlen, verschmelzen, dabei aber vergessen hat, dass der Ring die Konditionen bestimmt. Heute hat sie Angst. Seit sie den Blick ihres gestrigen Gegners aufgefangen hat, der sie zerstören wollte. Ihre Kehle hat sich geschlossen und sie ist nicht mehr da. Sie ist in der Fremde. Pouri wiegt genauso viel wie Vea. Der Muskelanteil wird bei ihm etwas höher sein, aber die Paarung ist fair genug, um die Runde ernst zu nehmen. Wenn sie versagt, wird sie diese Info mit in den richtigen Ring nehmen. Ihr kommen alle Dinge in den Sinn, die ein Gegner mit ihr machen könnte, ohne dass jemand es bemerkt. Der Ring wird zum Haifischbecken. Man könnte mit Lowkicks auf ihre Knie zielen und darauf hoffen, dass die Knochen im Schienbein dichter sind als ihre im Knie. Im Clinch könnte man ihr unbemerkt in den Schambereich schlagen. Oder man könnte ihr wenn sie zu Boden geht noch einmal auf den Kopf treten, der Schiedsrichter wäre nicht schnell genug zwischen ihnen und dann würde der andere mit triumphierenden Blick ins Publikum die Hände heben und in die neutrale Ecke gehen um abzuwarten, ob sie auch mit gebrochener Nase noch aufsteht. Pouri hält ihr jetzt seine Hand hin, um die Runde zu beginnen. Sie klatscht ihn ab, wischt sich mit ihrem linken Handschuh über die Nase und zieht ihre Rotze gemeinsam mit ihrer Angst bis in die Nebenhöhlen hoch. Er mustert sie, sucht ihre Lücken und findet Ehrgeiz und Angst. Er sieht alte Versionen von sich in ihr, und er denkt an die offene Infektion, die er immer noch am Bein hat und die er ihr nicht übertragen will. Er erinnert sich an all die Stunden, die er gebraucht hat um seine Angst weit genug hochzuziehen. Dann kickt sie ihn ansatzlos in die Leber. Sie ist stark. Er stöhnt ein bisschen und seine Lebensgeister regen sich. Vielleicht kann er ihr etwas beibringen. Sie fangen an zu spielen.
Zoom out.
Zu einer derjenigen, die am Rand steht. Eine, die hier ist für die Inspiration. Die nicht dazugehört, aber trotzdem mitmacht. Die, die in diesen Maschinen die Kunst sucht. Die sich fragt, warum sie Gewalt brauchen. Was man sich von ihnen als Gesellschaft abgucken kann. Wie man aus ihnen Fabeln machen kann, zum Beispiel. Sie wird heute mit einem der Trainer*innen gepaart. Einer, der nach 400 Kämpfen, zwei schweren Kopfverletzungen und Arthrose im linken Knie kampfmüde geworden ist, sie aber trotzdem mit Leichtigkeit besiegen könnte und nicht versteht, wieso ihr das nichts ausmacht. Lacht sie ein bisschen aus und weiß nicht, ob er weiter zuschlagen will. Versteht nicht, dass sie nicht nur das kämpfen von ihm lernen will. Sie will von ihm lernen, wie es sich anfühlt. Wie es sich anfühlt für die Kleine im blauen Kleid zum Beispiel, die Schnelligkeit mit Ausdruck verwechselt. Oder wie es ist für Vea, die täglich ihre Angst bis in die Nebenhöhlen ziehen muss. Oder wie Pouri es immer wieder schafft und in den Ring steigt – trotz der Infektion am Schienbein, die er nicht mehr loswird. Wenn der Trainer ihre Frage verstehen würde, wäre seine Antwort, dass es ihr etwas ausmachen muss, dass er so viel besser ist als sie. Dann käme die Schienbeininfektion ganz von allein. Sie bemerkt sein Unbehagen und landet einen schlauen Treffer, den er nicht schnell genug blockt. Er nickt, sie grinst. Sie können weitermachen. Sie ist eine Kämpferin mit doppeltem Boden, ihr Gewinn ist ein anderer. Sie gewinnt einen Artikel in einer einflussreichen Zeitschrift, die kritisch-theoretische Auseinandersetzungen mit zeitgenössischer Kunst, Kultur und Gesellschaft aus einer dezidiert linken, institutionskritischen Perspektive führt, anstatt sich in den Ring befehlen zu lassen. Ihr Spiel findet an der Seitenlinie statt, die Bedingungen verschwommen. Die einzigen Regeln, die immer gelten: Ein Schienbein wird länger, wenn es bricht und es kann nicht wieder zusammenwachsen, wenn sich abgesplitterter Knorpel dazwischen klemmt. Eine Stimme bricht, wenn das Publikum zur Mauer wird und man erst zehn Minute auf der Bühne steht und noch siebzig Minuten durchhalten muss. Karrieren zerbrechen, wenn der Kultursenat mauert, sodass Wettbewerb zu Blutbad wird, in dem für Respekt und Fairplay kein Platz ist.

Text: Milena Bühring
Foto: Dorothea Müller

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